Avicii – Eine wahre Geschichte

Avicii – Eine wahre Geschichte

Es ist 3 Uhr nachts und ich kann nicht schlafen. Auf Netflix läuft die Dokumentation über Tim Bergling aka. Avicii. Sein Tod brachte mich kürzlich ordentlich zum Nachdenken. Nicht nur dieses tragische Ereignis allein, auch das Interview von Alle Farben, die Netflix-Doku über Steve Aoki mit dem makaberen Titel aber auch meine eigens durchlebten Erfahrungen.

Ich erinnerte mich zurück an die Zeit, als Booker & Manager über meinen Terminkalender und somit mein Leben bestimmten und als Party feiern Beruf war. Als man sich keine Auszeit nehmen sollte, weil „es ja wichtig sei jetzt dran zu bleiben“ und als Erwartungsdruck soviel Musikalität und Lebensfreude zerstören konnte.

Seit dem hat dieser Beruf für mich an Glanz verloren. Je mehr ich Tim in der Dokumentation folge, desto mehr kommen alte, verdrängte Erinnerungen in mir hoch. Schlafmangel, Der Flughafen-Gig-Hotel-Flughafen Lifestlye, übermäßiger Alkoholkonsum bis zur Besinnungslosigkeit, Streits. Ich erinnere mich an meinen peinlichsten Moment überhaupt auf Tour. Wir spielten auf irgend einem Open Air in der bayrischen Provinz und ich war so betrunken, dass ich irgendwann auf den Boxen tanzte und Mittelfinger ins (zum Glück eher magere) Publikum feuerte. Heute würde ich mich am liebsten persönlich dafür entschuldigen.

Ich erinnerte mich auch mehr und mehr an die anderen Acts und die Flaschen harten Alkohols, die während der Auftritte immer für sie bereit standen. Ich erinnerte mich an Steve Aoki, dessen Freund starb und der nie wieder trinken wollte. Der enorme Druck und die Nervosität verleiteten auch Tim. Und hast du Erfolg – ist alles gratis.

Unsere Definition von Erfolg ähnelt der Symptomatik eines Workaholic. Hast du deinen Run, sollst du unbedingt dranbleiben. Ganz gleich was dein Körper oder deine innere Stimme dir sagen. Das Geld wird nämlich bereits in großen Mengen durch dich generiert. Die Maschine ist längst in Gang gesetzt. Aber größer, schneller, weiter fordern immer ihren Tribut.

Heute ist mir vieles klarer geworden: Ich selbst habe oft unter dem Einfluss schlechter Menschen gestanden und gelitten. Durch die negativen Erfahrungen habe ich einiges an Musikalität eingebüßt und erhole mich davon nur schleppend. Ich habe mittlerweile aber auch gelernt, was mich so unter Stress gesetzt hat. Mit vielen Momenten in Tims Leben und auch seinem Leid kann ich dadurch mitfühlen. Die Dokumentation im Bezug auf seinen jetzigen Tod weiter zu verfolgen fällt mir nicht leicht, aber Lena, eine gute Freundin von mir schrieb mir vor Kurzem: „Sollte wirklich rauskommen, dass Avicii an diesem Lifestyle starb, dann sollte sich endlich etwas tun“. So wie es nun aussieht, sollte sich wirklich etwas tun.

Tim erzählt von Carl Jung, seiner – Tim’s – Introvertiertheit und wie er große Schwierigkeiten mit Smalltalk hat. Ich fühle mich ihm sehr verbunden. Tim war ein Ausnahmekünstler. Er lebte für die Musik. Sein Talent und sein unglaublicher Einsatz machten ihn zu einem Weltstar. Und das in einem Alter, wie es sich manche nur erträumen können. Sein Leben muss aufregend gewesen sein, intensiv aber eben auch verzehrend.

Mittlerweile ist es 4.00 Uhr und Avicii spricht eine Befürchtung aus, die ich schon seit Tagen mit mir herumtrage und auch Lena schon erzählt habe: Nach seinem Touraus im Jahr 2016 erwartete Tim eigentlich, dass sich alle Beteiligten für ihn freuen würden. Er hätte niemals gedacht, dass man ihn zu weiteren Gigs drängen würde, da doch alle wüssten, wie sehr er gelitten hatte. Einige kennen vielleicht noch die Gerüchte um Michael Jacksons letzte Auftritte. Es schockiert mich wirklich, dass die schlimmsten Befürchtungen in unserer heutigen Welt so oft zutreffen. Verursacht wird das alles durch die Gier, die großen Summen, das weiterlaufende Tagesgeschäft. Sein Manager spricht davon, dass Tim den Wert von Geld nicht verstehen würde. Mir kommt Kotze hoch.

Vielleicht brauchen wir wieder niedrigere Gagen und weniger Maschinerie in der elektronischen Musik. Vielleicht braucht es aber auch Verträge, die das Absagen von Gigs aus gesundheitlichen persönlichen Gründen möglich machen – ohne das man dafür Strafen zahlt. Menschen sind keine Maschinen. Keiner von uns. Wir alle sind sterblich. Fliegst du von Wochenende zu Wochenende dreht sich deine Welt irgendwann immer schneller. Ich frage mich manchmal ernsthaft, wie Steve Aoki das durchhält. Und vor allem warum. Vielleicht braucht es aber auch einfach eine andere Definition von Erfolg.

Es ist eine Welt die niemals still steht: Jedes Wochenende wollen wieder neue Partys gefeiert werden und junge Musiker stehen dafür in den Startlöchern. Für mich ist es so traurig, dass einer der größten eben dieser – ein wahres Talent unter Millionen – und ein, wie man in der Doku sehen kann, sehr sympatischer und introvertierter junger Mann dem Ganzen zum Opfer geworden ist. Tims Leben sollte für uns ein Mahnmal sein. Er sollte uns inspirieren und uns kritischer gegenüber all dem werden lassen. Das sind wir ihm schuldig. Tim hielt für uns die Zeit an. Mit seinem Leben schrieb er wahrlich Geschichte.

Avicii – True Stories auf Netflix

Nachtrag vom 27.4.2018:

Avicii’s Familie veröffentlichte nun dieses (traurige) Statement.

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